Kehlmanns neues Kind und Kegel: Ein Schwung und alle Neune

Mit der „Vermessung der Welt“ feierte die Literaturlandschaft eine neue literarische Pflanze. Die Euphorie überschlug sich in Beifallsbekundungen, an Kehlmann sollte die Welt gesunden. Endlich wieder ein Roman. Die verbalen Orden, welche man dem Autor anhängte, grenzten an Überforderung einer noch immer recht jungen Person, dessen erste Erzählbände einem aufrichtigen Leser noch verhältnismäßig unreif scheinen dürften: Bei Daniel Kehlmann verhärte sich der Genieverdacht (Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung). In einer Gesellschaft, in welcher Universitäten in Rankings nach ihrer Qualität eingestuft werden und das Motto gilt: Money makes the world go round, stehen die Verkaufzahlen des Buches für die Beweiskraft des Genieverdachts.

Mit dem Geniebegriff wird derzeit die gesamte Welt sinnlos bestäubt: Michael Schumacher sei sogar seinerzeit ein genialer Formel-1-Fahrer gewesen. Heute würde die Wissenschaft einen solchen Begriff erden und gegen ein Wort wie „hochbegabt“ eintauschen.

Dass es sich bei Kehlmann zweifelsohne um ein Talent handelt, zeigt sein Roman in neun Erzählungen mit dem signifikanten Titel „Ruhm“. Nichts anderes hat der Literaturbetrieb erwartet: eine übergeschnappte oder zynische Erfolgskompensation? Warum kein zweiter Riesenroman? Sind die Erzählungen bloße Fingerübungen? Mitnichten. Dieses Buch liest sich ganz anders, unerwartet sensibel, liebevoll, still. Es gleicht einer Filmcollage, einem Episodenfilm wie dem von Jim Jamuschs „Night on Earth“, was Kehlmann durchaus zu intendieren scheint (Spiegel-Interview Januar 2009). Erst nach einigen Erzählungen wird klar, dass die einzelnen Geschichten miteinander verwoben sind nach dem Motto: Wir sind ja letztlich doch alle über acht Ecken miteinander verheiratet. Tief, traurig und tieftraurig liest sich die Geschichte „Rosalie geht sterben“.
Daneben wirken andere wiederum grotesk, absurd und unerwartet zynisch. Der fiktive Erzähler inszeniert sich oft als Autor der einzelnen anekdotenhaften Begebenheiten. Er scheint wandelbar, ja er löst sich selbst als Fiktion zwischen den Worten auf in einem ironischen Spiel mit den traditionellen Motiven der Erzählebenen. Schonungslos und ebenso selbstironisch geht der „Autor“ hart mit sich und seinen Figuren ins
Gericht. In oft seichter, unprätentiöser Weise, ohne große Sprachexperimente, schafft Kehlmann kontingente Charaktere, große Bilder und Welten. Sätze wie „Und der Regen machte sein Regending“ dürfen gern auf dem Walk of Fame der schönsten Sätze der Welt einen unvergesslichen Stern bekommen.

Von Genieverdacht keine Spur, jedoch eine Bestätigung der kontinuierlichen Qualität Kehlmanns.

Daniel Kehlmann: Ruhm, rowohlt 2009, 208 Seiten, 18,90 Euro