Eckard Sinzig – Gesäßscheitel und andere Frisuren. Eine Untertreibung

Es gibt, das ist kaum zu glauben, Verdrängungsbestrebungen in der Literatur. Das geschieht meist mit Belletristik, welche die sexuelle Realität ungeschönt, oder die ungeschönte Sexualität realistisch darstellt. Schmutz wurde schon immer gern in augenferne Ecken gekehrt.

Das Schweigen, die Kunst der Verdrängung durch verbale Unterlassung, das bei manch aktueller Literatur im unschuldig rosa daher kommenden Schweinereigebaren viel zu kurz kam, hat an anderer Stelle zur Verschüttung einer trojanischen Bestie geführt: Dirk Zaesing, mit bürgerlichem Namen Eckard Sinzig, ist faktisch ein derzeit viel zu wenig gelesener Autor, aber immerhin ein offizieller Insider.

Und dabei, und das sei ohne Untertreibung gesagt, gehört er wahrscheinlich zu den letzten großen Grotesken: in einer Reihe zu nennen mit Ernst Augustin und Wilhelm Genazino. Diese drei, Genazino, Augustin und Sinzig, lassen sich in einem Wort zusammenfassen: die Dehnung. Wo Genazino den Blick dehnt, Augustin die Möglichkeit der Welt, da dehnt Sinzig die Ekeloberfläche. Man bekommt Angst vor so viel Phantasie.

Ekel ist die Chemikalie, mit der Sinzig den Leser zu zersetzen versucht. Jedoch mit dem Ekel als dasjenige, was abstößt und doch anzieht. Ich kenne keinen, der ein derart breites Spektrum an Vokabular und solch ein abstruses Phantasievermögen vorzuweisen hätte. Bei Sinzig fehlt die Vergleichsgröße, darum sind seine Bücher einfach da, beängstigend und unheimlich wie ein Elefantenmensch.

Die größte Schau der Welt verspricht der Titel des Buches, und das ist es. Eine Monstrositätenschau, eine obskure Vorführung tumoröser Körperlichkeit, pestilenter Sexualität und Verhaltensverkrüppelung. Jeff, der dämonische, tyrannische Zauberer, züchtet sich unheimliche Sexakrobaten zurecht: Was braucht Sinzigs Roman? Einen geilen Liliputaner, einen schwulen Jongleur, einen Gewichtheber mit Mutterkomplexen und einen sadistischen Direktor.* Tiere braucht der Zirkus keine, tierisch geht es ohnehin zu. Nach der Hälfte des Buches könnte man denken, mehr geht nicht. Aber ein Höhepunkt ist für Sinzig leicht zu steigern. Doch ist das Buch keinesfalls nur eine Galerie für experimentierfreudige Pornographiesuchende, es durchmischt sich zunehmend mit apokalyptischen Andeutungen, die Figuren spielen auf ein Ende hin. Das sinnlos Gesteigerte türmt sich zu einem labilen Gebäude. Die Perversitäten, merkt der Leser erst spät, sind nicht die des Buches, des Erzählers oder des Autors, es sind die einer Gesellschaft jenseits von Buchdeckel und Klappentext. Und so färbt sich zunehmend jede Orgie der unglaublichen Charaktere mit atomaren Katastrophen, Endzeitstimmung, der Unmöglichkeit eines Danach. Und obwohl der Roman 1969 erschien, in einer Zeit, in der die Luft elektrisiert war vor Wut auf die Aggressoren in Vietnam und das prüde Establishment, ist auch heute die Gefahr der gesellschaftlichen Verknöcherung oder eines atomaren Desasters nicht gebannt.

Doch damit nicht genug: Die Käuflichkeit des Menschen, die Perversionen einer attraktionsgeilen Gesellschaft, die Exzess- und Objektsucht sind nur einige Facetten einer komplexen Zivilisationskritik. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich zum Ende des Romans die Zirkusbühnenrampe spiegelt und die Zuschauer Artisten werden, während die Künstler der tragikomischen Vorführung nur noch verblüfft beiwohnen können. Normen werden hier gebrochen. Aber nicht nur mit diesen, etwa mit den Werten, wie über Sex zu sprechen sei, wie bei de Sade, bei Wilde und Bataille, sondern noch mehr: hier fällt der Respekt vor dem Körper und dem Körperlichen der Zweckmäßigkeit des Unmöglichen zum Opfer, eine Lust zu seiner Vollendung zu bringen.

Und der Leser? Blickt der auch in einen Spiegel? Es ist die Kunst Sinzigs, den Spiegel nicht erkennen zu lassen, und so blickt man in ein Schauspiel, von dem man glaubt, man sähe schrille Illusionen. Zaghaft könnte man Sinzigs Buch eine Burleske nennen, doch seien wir ehrlich, das ist ein Euphemismus, den es nicht nötig hat.

Sex ist Krieg, Krieg ist Sex, so könnte eine amerikanische Kampagne zur Anwerbung von Soldaten heißen – oder das Motto des Romans. Es sei beschwichtigend gesagt: Es trägt den Untertitel „Ein Märchen“. Doch zur Beunruhigung sei noch hinzugefügt: In jedem Märchen steckt ein Wolf.

* Man erinnert sich, das Erfolgsrezept für eine Boyband: Einen harten, einen smarten, einen schwulen Kerl.

Dirk Zaesing (d. i. Eckart Sinzig): Die größte Schau der Welt. Ein Märchen. Gala Verlag Hamburg, 1969 (1. Aufl.): 20-1000 Euro, ansonsten vergriffen.