Absurd ist‘s hier, absurd im Norden. Volkstheatralik in Rostock

Jakob Kraze als Faust und Undine Cornelius als Mephisto (Foto: VTR)

Das Foyer hat sich in den Saal geleert, die Gäste harren erwartungsvoll auf ihren Sitzen. Die Bühne ist beleuchtet, zu sehen ist eine mit Baufolie verhangene und mit Brettern vernagelte Kulisse.

Mitten ins Gemurmel des Auditoriums platzt ein besoffener Jakob Kraze. Verzweifelt versuchen ihn seine Kollegen daran zu erinnern, dass er nun doch bitte Faust zu sein habe und soufflieren ihm Passagen aus dem ersten Teil des goetheschen Dramas. Man zwingt Kraze auf die Bühne, halb schob man ihn, halb ging er hin. Als er dort steht, reduziert sich das Licht zu einem Kegel, in dem sich der Schauspieler besinnt und Faust spricht. Ja, er spricht ihn nur, fast ausdruckslos und über das Publikum dahingesagt rezitiert er gelangweilt oder matt oder schwach oder paralysiert oder somnambulisch Fausts ersten Auftritt des zweiten Teils, so belanglos, dass man denkt: Die Botschaft hört man wohl, allein es fehlt der Glaube.

Damit beginnt das Stück und auf der Bühne erscheint der Kaiser mit seinen Ministern – auf dem locus transquilitatis, dem Ort der Erquickung, wo man unerquickliche Dinge bespricht. Die Staatsführer beim „Geschäft“, aha, wir haben verstanden. Das Geld ist aus, die Kassen leer, die Armee morbid und das Volk nicht mehr bei Laune zu halten. Und zu allem Unglück ist auch noch der Hofnarr unpässlich geworden. Hier nun springt Mephisto ein, gespielt von einer raumfüllenden und souveränen Undine Cornelius. Mephisto verspricht den darmleerenden Staatsführern die Rettung aus deren misslicher Lage. Die Geschäftsidee: Papiergeld. Dies Versprechen lässt den Kaiser (Alexander Flache) euphorisch den Karneval ausrufen.
Faust verschwindet in der Unterwelt zu den Müttern, er soll Helena und Paris holen. Der Kaiser will die Macht Fausts auf die Probe stellen. Faust muss Mephisto auf die Probe stellen. Damit stellt Mephisto Faust auf die Probe. Es scheint, dies kam nicht klar zur Geltung.

Den lokalen Parteien wird ein kurzes Intermezzo gewidmet, ganz nach dem Motto: Auch auf Parteien, wie sie heißen, ist heutzutage kein Verlass. Wozu das ganze possenreißende Lokalkolorit, erschließt sich nicht recht. Ebenso wie die Anspielungen auf das kleine Theater in der Eselföter Straße und die herbeigeholt wirkende Szene, in der Popo Kaiser seinen dummen Glücksradblondinen das Geld erklärt. Eine gute zeitgenössische Adaption hätte vielleicht das Papiergeld raffiniert ins bargeldlose Geldkartenzeitalter transzendieren können. Es ist ja nicht so, dass sich das Publikum nicht für derlei aktuelle Themen interessieren würde, aber Papiergeld gehört zum antiquierten Repertoire unserer Zeit. Somit wirkte auch die Popo-Kaiser-Szene kalauerhaft. Der Kabarettist Chin Meyer kann das besser, vielleicht sollte man das auch dem Kabarett überlassen.

Träge schleppt sich dann die Handlung durch Wagners altes Studierzimmer. Mephistos Dialog mit dem Baccalaureus findet ihren traurigen Höhepunkt in derbem Analverkehr. Wagner war Jahre damit beschäftigt einen kleinen künstlichen Menschen zu schaffen, Homunculus, den Mephisto zum Leben erweckt. Eindrucksvoll wandelt sich hier das Bühnenbild in eine Mischung aus SM-Folterkammer und futuristischem Zuchtlabor, vergleichbar den Schlafstätten der Träumer im Film Matrix oder dem lebenserhaltenden Brutkasten in „Mutant Tool“ des Episodenfilms „Obsession – Tödliche Spiele“.

Ein „verkopfter“ Homunculus, ganz und gar Hirn, zuckt in entzückender Weltfremdheit und mit künstlich verzerrter Stimme über die Bühne und geleitet die beiden Protagonisten Mephisto und Faust durch die Klassische Walpurgisnacht.

Dann eine Neuerung auf der Rostocker Bühnenlandschaft des Volkstheaters: Die Baufolie wird zur Videoleinwand umfunktioniert und das Theater wird zum Lichtspielhaus. Klassische Walpurgisnacht jenseits der fiktiven Bühne. Der eingespielte Film zeigt eine Reise zu Rostocker Stationen. Brunnen der Lebensfreude, Barocksaal, Volkstheater, usw. Bedauerlicherweise wirken Kostüme und Kameraführung dabei laienhaft. Jenseits der Bühnengrenze und vor realen Schauplätzen wirken die Kostüme wie aus der Reste-Requisitenkiste.

Im Palast zu Sparta tritt die Wunderschönheit Helena auf (Sonja Hilberger). Ihre Hofdamen huschen in einer hysterischen Choreographie über die Bühne. Phorkyas, an Hässlichkeit nicht zu übertreffen, hält der Schönen mit seinem Aussehen einen Spiegel für ihren Lebenswandel vor Augen. Sie flieht auf die Burg, in welcher Faust den tollpatschigen Burgherren mimt und der ihr die Herrschaft überlässt. Ihrer Liebe entspringt ein übermütig-lebensfroher Euphorion, dessen Selbstüberschätzung zum Tod führt und Helena ihm folgen lässt.

Dieser Verlust führt Faust zu dem Sinneswandel, nach menschlicheren Gelüsten zu streben: Er will dem Meer das Land abgewinnen. Mephisto ist ihm dabei behilflich. Um ihr Projekt zu verwirklichen, versuchen sie das Paar Philemon und Baucis, dem Inbegriff für Treue und lebenslange Liebe und Genügsamkeit, von ihrem Wohnort zu vertreiben. Mephisto lässt ihre Hütte gewaltsam aufbrechen, worauf die beiden zu Tode erstarren.

Hiermit endet Fausts irdene Reise. Er ist, so scheint es, so klug als wie zuvor. Und trotz Erblindung bleibt er unersättlich: Verweile doch, du bist so schön. In seinem Verscheiden entschließen sich die höheren Mächte, sich seiner anzunehmen, weil er nie aufgehört hat, das Höhere im Menschen zu suchen.

Nicht zuletzt wegen des umfangreicheren Personals im Stück zeigt die Kooperationen zwischen Volkstheater und HMT klar ihre Vorteile: frische Schauspieler und lebendiges Theater versprechen in Zukunft junges Blut in das Rostocker Theater zu pumpen. Zu nennen sind hier besonders Monke Ipsen und Anke Retzlaff, die durch ihre einzigartige Einfühlung in die Rollen des Homunculus und des Euphorion in Erscheinung getreten sind.
Kraze hingegen scheint eher ein blasser Faust, ausdrucksschwach und kraftlos. Dass er es sein soll, der „immer strebend sich bemüht“, klingt entschuldigend nach der wohlmeinenden Beurteilung im Zeugnis eines Arbeitsunfähigen. Ja, Faust hat immer strebend sich bemüht, blieb aber leider unter seinen Möglichkeiten.
Damit sei Faust erlöst.

Und damit endet das Stück in der Interpretation des Regisseurs Wolf Bunge. Nun, viel klüger, scheint es, ist man nicht geworden; absurd ist’s hier, absurd im Norden – denn trotz vieler Bemühungen, nicht nur einen lokalen Umzug des Theaters vorzubereiten, ist der geistige Umzug noch nicht recht umgesetzt. Der wäre, beileibe, noch nötiger.

Dass Faust II ein Pottwal unter den Stücken ist, hat das Rostocker Volkstheater nicht abgeschreckt, diesen Fisch zu heben. Dieses äußerst sperrige Werk wurde jedoch dank der Leistungen der Theatermenschen (Bernhard) entgrätet und in ein übersichtliches, zugängliches Stück transformiert, das durchaus vorzeigbar ist. Aber: Wer Gutes will, der sei erst gut.

Nächste Vorstellungen
24.03. um 20 Uhr, Theater im Stadthafen
29.03. um 18 Uhr, Theater im Stadthafen
30.03. um 20 Uhr, Theater im Stadthafen
17.04. um 18 Uhr, Theater Wismar Entfällt!
17.04. um 18 Uhr, Theater im Stadthafen
19.04. um 10 Uhr, Theater im Stadthafen
28.04. um 20 Uhr, Theater im Stadthafen