Alter Schinken neu verwurstet

Am 14.01.2012 feierte Donizettis „Die Regimentstochter“ im Theaterzelt Premiere. Die Furcht vor allzu schwerer Kost ist unbegründet und musikalisch ist die Inszenierung ein Highlight der Saison.

Ich war noch nie in einer Oper, ich scheute mich auch stets davor. Jedes Mal, wenn es das Laute Geträller auf 3Sat oder Arte in den Programmplan geschafft hat, war ich mitverantwortlich für den Quotenrückgang. So ist es eben. Heute ist so etwas wie Oper so weit entfernt von dem, was das Leben ausmacht. Und ganz nebenbei, versteht man auch kein Wort.

Neugierig (dennoch) sitzt man in den fast ausverkauften Rängen, und gleich zu Beginn der erste Coup: Der Vorhang öffnet sich und offenbart eine Szenerie, die an ein Gemälde von Gros (“Schlacht um Nazareth“) erinnert und man ist wie gebannt, wie entrückt. Sämtliche Gemälde können wohl kaum das transportieren, was hier erzeugt wird.

Die Handlung dieser Oper ist dennoch ihr vielleicht größter Kritikpunkt. Loblieder über die Grande Nation reißen auch bei all der Völkerfreundschaft mit Frankreich keinen Zuschauer vom Hocker. Und die Konflikte zwischen dem einfachen Volk (Armee) und Adel sind, wenn auch vielleicht nicht überwunden, so zumindest verlagert. Also: Wenig Identifikationspotenzial und irgendwie „von Gestern“. Aber: Das sind auch Faust, Bach, oder Kaspar David Friedrich. Vielleicht hilft es den Theatergenuss zu mehren, indem man ihn als Reise in das Gestern anerkennt, sich auf diese einlässt und all die ewig präsenten Zukunftsphantasien einfach mal draußen lässt?

Und dann kommt dieser Moment, diese kurze Passage in der ersten Arie des Tonio „Ah mes Amis“: „Oui, celle pour qui je respire, A mes voeux a daigné sourire, Et ce doux espoir de bonheur, Trouble ma raison et mon coeur!“ Die Streicher allein untermalen den flehenden sehnsüchtigen Gesang eines Liebenden. Hier offenbart sich der Sinn und die Grundlage dieser Darstellungsform, die es schafft etwas zu transportieren, zu kommunizieren, was mit Worten allein nicht gesagt werden kann. Und so sitze ich da, es sind nur diese 15 Sekunden, nur vier Zeilen: Gänsehaut! Und frage mich, wie man Oper denn nicht lieben kann.

Corny Littmann steht in der Pause rauchend vor dem Zelt und fragt sich, warum solche Opern überhaupt noch inszeniert werden. Immerhin verschlägt es einen wie ihn hier her, in das, was von vielen dann doch als Provinz betrachtet wird. Aber Littmann macht auch gleicht deutlich, dass Mirko Bott der Grund für sein Erscheinen sei, welcher sonst eher im Schmidt Theater (dessen Leitung Littmann obliegt) wirkt und schafft.

Mit Arien aus dieser Oper glänzten immerhin auch Ikonen wie Pavarotti oder Alfredo Kraus. Die Hohe Kunst also! Hier in der Provinz! Ein Zeitreise in das 19. Jahrhundert mit großen Soli, tollen Bühnenbildern, opulenter Ausstattung und einer orchestralen Untermalung, welche zuweilen an Taveners „Children of Men O.S.T.“ erinnert. Ein Muss!

Bildrechte: Volkstheater Rostock