Novecento: Die Legende vom Ozeanpianisten


Jörg Schulze spielt Tim Tooney und erzählt die Geschichte von Novecento (Foto: Paul Fleischer)

Premiere: Das Atrium ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Tolle Resonanz auf ein Projekt außerhalb der heiligen Hallen des Volkstheaters.

Novecento – die Legende des Ozeanpianisten: Eine schöne Geschichte, eine Vorlage, die für die vorherrschende Szenerie in der Societät maritim e.V. nicht passender hätte sein können.

Jörg Schulze verkörpert Tim Tooney, einen Trompeter und zudem wohl besten Freund des größten Pianisten aller Zeiten. Er erzählt rückblickend das Leben Novecentos, ein langer Monolog, aber alles andere als monoton. Schulze präsentiert ein sehr dynamisches Spiel. Er ist agil und der Wechsel der Szenerien, die Rundgänge im Atrium – mal von oben herab, mal mitten drin, mal mit dem Publikum tanzend – das reißt mit! Wider dem statischen Spiel!

Mit Charme und Charisma spielt Schulze souverän, gewinnt die Sympathien des Publikums (alle, vor allem die Damen haben so ein ständiges Lächeln auf den Lippen), die Lacher zünden. Dass diese Inszenierung gelungen ist, spürt man bereits nach den ersten 15 Minuten. Mit einfachen, für Theater-Inszenierungen nahezu minimalistischen Mitteln und Beleuchtungskonzepten nahe an der Stromkreisbelastungsgrenze gelingt es dennoch, den Protagonisten als zentrale Figur zu etablieren.

Vor allem der erste Teil dieser Aufführung ist großartig: Brachiale Stimmgewalt, kleine Parodien und Tanzeinlagen werden mit mehrfachem Szenenapplaus honoriert. Hier gelingt etwas, was sich vielleicht manch einer vom Theater wünscht: Das Wirken in die Stadt hinein, herausgelöst aus den starren Mustern. Dass solche Projekte das Potenzial haben zu funktionieren, zeigt der gestrige Abend.

Schade ist zudem, dass das Theater nicht versteht, solche Schauspieler zu halten. Was dem Volkstheater fehlt, sind eben solche Sympathieträger. Vielleicht gerade in so schlechten Zeiten. Aber hier ist das Theater Rostocks ein bisschen wie die Uni dieser Stadt: Nur Durchlauferhitzer.

Die Geschichte von Novecento ist ein Gleichnis für so vieles in der Welt. Für die Bedeutung von Freundschaft, was sie ausmacht, welchen Beitrag sie zum Glück in unserem Leben erbringt. Aber auch für die Bedeutung der Musik, ihre Kraft, das ihr innewohnende Wesen, das seine eigene Sprache hat und ohne die wiederum so vieles ungesagt bliebe. Aber Novecento ist auch ein Bildnis für das Leben, diese unendlichen Verästelungen eines Baums voller Möglichkeiten. Novecento ist hieran gescheitert – an der Unendlichkeit dieser Möglichkeiten, blieb bei seinen Leisten – in diesem Fall bei seinen Tasten. Diese 88 des Klaviers, diese waren seine Welt, überschaubar, beherrschbar, hier war er der Gott, der Kapitän. Da draußen wäre er nur ein kleines Boot auf dem Ozean des Lebens, in einem Orkan voller Unbestimmtheit – unbeherrschbar.