More Drama Baby!

Die vielleicht größte Liebesgeschichte der Welt: Romeo und Julia

Mit der Inszenierung von „Romeo und Julia“ beweist das Volkstheater die Fähigkeit zum Amüsement. Eher heiter als tragisch wird hier die größte Liebesgeschichte aller Zeiten umgesetzt – eine Rezension der Premiere vom 18.03.2012 im Theaterzelt.

Für alle, die wahre Leidenschaft gerade erst kennenlernenden Teenager bietet R&J wahrscheinlich immer noch größtes Identifikationspotenzial, wenn es um unrealistische emotionale Hingaben und Phantasmen geht (entsprechend auch der auffallend niedrige Altersdurchschnitt an diesem Abend). Gott sei Dank bin ich schon alt! Natürlich kann man sich die R&J Verfilmung mit Leo klemmen, um noch einmal in die Handlung einzusteigen – Romeo und Julia hat tatsächlich schon fast nen Bart. Das haben wir alles schon gesehen … Aber in der Liebe ist ja eh alles auf „repeat“, schon seit Dekaden – ach was, seit Jahrtausenden. Sie liebt mich, sie liebt mich nicht – oder anders herum. Die Liebe ist …. Offenbar wirklich ein jugendliches Thema – und was Liebe ist, halst sich das Stück auf erklären zu wollen. Dem guten Shakespeare muss man sich allerdings zu Dank verpflichtet fühlen: für den Zitate-Schatz, den man der Herzallerliebsten nur im rechten Moment ins Ohr hauchen muss – zündet immer.

Was leider nicht zündet, ist die Vermittlung dieses Gefühls, jener Leidenschaft, jenes Herzschmerzes, den man – ich – vor 11 Jahren (noch selbst unerfüllt liebend) fühlte. An Leidenschaft im Spiel wahrlich mangelt es nicht: Die Fecht-Szenen der verfeindeten Clans sind technisch beeindruckend (jedem Burschenschaftler dürfte das Herz aufgehen) und der physische Einsatz der Akteure ist nicht minder intensiv – des Paters (gespielt von Dirk Donat und wie immer eine Bereicherung) reale Platzwunde am Kopf ist vielleicht bester Beweis hierfür. Das Bühnenbild überrascht wieder einmal positiv. Dort scheinen wahre Künstler am Werk – mit dem Sinn für das Detail und für den Raum entsteht ein vielseitiges Umfeld für das Schauspiel. Das riesige Spannbettlaken in der „Balkonszene“ (ganz ohne Balkon), ist eine ebenso smarte Idee und gibt der Bühne eine zusätzliche Facette.

Vor allem in der ersten Halbzeit ist die Inszenierung sehr munter, heiter, alles schön auf Amüsement ausgerichtet. Viele Lacher, gelungene Abendunterhaltung, Merci, dass es dich gibt! Durchaus mutig erscheinen die orgienhaften Szenen der Capuletschen Mottoparty – fast einem Video von Kesha (Tik Tok) gleich: actionreich, exzessiv, mit sexuellen Eskapaden – oder wie Barny Stinson es zusammenfassen würde: Legendary! Sandra-Uma Schmitz transferiert (auch genau in diesem Moment) die Lady Capulet in unser Zeitalter. Naiv bis vulgär, dominant und lüsternd zeichnet sie mit ihrer Rolle das moderne Bild einer attraktiven Frau jenseits der 30: MILF! Diese Interpretation der Lady Capulet offenbart zudem auch neue Auswege aus all dem Drama: Hätte sich Julias Mutter doch nur einfach selbst den Paris geschnappt, dann wären all der Stress und die Tränen zu vermeiden gewesen.

Fast aus der Reihe tanzt der Mercutio (Stephan Fiedler), mit metrosexuellen (und darüber hinaus) Attitüden. Fiedler spielt sich in den Wahn und hebt die Rolle auf eine neue Stufe in der Hierarchie der Akteure – bravo! Noch nicht ganz Protagonist, dennoch nicht weniger wirkend: Lisa Flachmeyer als Amme. Ausdruckstark, mit immenser Kraft in der Stimme und sogar musischem Talent – das macht Lust auf eine echte Hauptrolle! Apropos Hauptrolle(n): Eine wirklich schöne und jugendlich wirkende Julia (gespielt von Laura Bleimund) und ein Romeo, dem man den Romeo auch abnimmt (gespielt von Tim Ehlert): charismatisch, authentisch, blond, markantes Gesicht, sexy Sixpack und Haare auf der Brust. Ich fühle mich unmännlich, aber: so muss es sein!

Dennoch – bei all dem Licht, es gibt auch Schatten: Es fehlt ein wenig die Emotion, die Liebe, die Leidenschaft. Nicht das Feuer oder Hass, von dem war genügend zu spüren – welch ein auch physisch intensives Spiel! Es ist eine der größten Liebesgeschichten, welche die Menschheit hat und auch wenn man in Bezug auf den Plot tatsächlich kaum noch überrascht werden kann, so hätte ich mir lediglich gewünscht am Ende ein wenig betroffener zu sein. Traurig; ganz einfach, ob all dieser Tragik, welche dem großen Finale inne wohnt. Herzschmerz als ein wesentliches Symptom der Liebe. Can you feel the love tonight: leider nein.