„Hitler hatte einen Vollbart“

Stephan Firdler als Pfarrer Ivan - Paul Walther als Neonazi Adam

„Ist das ein gut aussehender Mann! Dein Vater?“ „Das ist Hitler!“ „Nein, Adam, Hitler hatte einen Vollbart.“- Das ist er, der dänische Humor. Möglichst schwarz und bitter, und manchmal muss man sich für sein Schmunzeln sogar schämen. Und genau diese Art von Unterhaltung kann man sich nun im Stück “Adams Äpfel” (nach dem gleichnamigen Film, 2005) im Volkstheater Rostock ansehen.

Mit der Bühnenfassung von K. D. Schmidt und unter der Regie von Alexander Flache bietet das Theater im Stadthafen eine teils amüsante, aber auch oft zum ernsthaften Nachdenken anregende Groteske an. Die Handlung steckt nuneinmal voller Provokation. Die zufriedenen Reaktionen des Publikums deuten darauf hin, dass die Inszenierung sehr authentisch ist und in meinen Augen einen guten Ton getroffen hat. Auch das Bühnenbild und die Kostüme haben mir sehr gefallen. Die Atmosphäre im geschätzten zwei Drittel vollem TiS war auf Grund der doch ziemlich skurrilen Handlung fühlbar gespannt.

Schon mit der ersten Szene sind die beiden Hauptcharaktere Ivan, ein Pfarrer (gespielt von Stephan Fiedler) und Adam, ein Neonazi (gespielt von Paul Walther) sehr gut einzuschätzen. Ivan ist ein gutmütiger Pfarrer, der es sich in seiner Kirche zur Aufgabe gemacht hat, Straftäter auf Bewährung zu bekehren und ihre falschen Taten bereuen zu lassen. So lebt er also zusammen mit einer sehr bunt gemischten Gruppe kläglicher Gestalten: mit Khalid, einem arabischen Mörder und Tankstellenräuber und Gunnar, einem einst erfolgreichen Violinisten, nun Alkoholiker und Kleptomane. Ab und zu kommt Sarah, ebenfalls Alkoholikerin, aus der näheren Umgebung zu Besuch und der ehemalige Aufseher im KZ Poul erscheint regelmäßig zu den Predigten. Als der kahlköpfige, Springerstiefel tragende Adam dort ankommt, wird er von Ivan aufgefordert, sich eine Aufgabe zu stellen. Voller Sarkasmus behauptet Adam, er würde sehr gern einen Apfelkuchen mit den Äpfeln aus dem Garten backen (den “totalen Apfelkuchen”), womit der Pfarrer ihn tatsächlich beim Wort nimmt. Das Erste, was Adam allerdings tut, ist, die Grenzen der Gutmütigkeit des Pfarrers auszutesten, welche scheinbar unendlich groß sind. Alles entpuppt sich als eine Art Besessenheit, die alles Schlechte der Welt leugnet. Dieser innere Kampf kam meiner Meinung nach nicht besonders gut zur Geltung, wobei ich dazu sagen muss, dass es eine sehr große Anforderung ist, in die Fußstapfen Mads Mikkelsens zu treten, der den Ivan im Film perfekt verkörpert. Es kommt nach und nach ans Licht, dass Ivan eigentlich sehr viel hilfsbedürftiger als Adam ist. Er wurde als Kind von seinem Vater vergewaltigt, hat einen behinderten Sohn mit einer Frau, die sich aufgrund dessen umgebracht hat und leidet außerdem an einem Gehirntumor. Mit Adams Apfelbaum sieht es zunächst nicht rosig aus, denn er wird von Krähen und Würmern befallen und brennt letztendlich nach einem Blitzeinschlag ab. Für diese Tatsachen und auch all seine grauenhaften Schicksalsschläge hat Ivan nur eine für ihn plausible Erklärung. Er behauptet, all das sei das Werk des Teufels, der nun sein Ziel in der Verhinderung des Kuchenbackens sieht. Nachdem der aggressive Adam Ivan plötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert, dass all die schrecklichen Dinge in Ivans Leben nicht auf den Teufel zurückzuführen sind, sondern eine Bestrafung Gottes darstellen, der ihn vermutlich zu hassen scheint, beginnt Ivan tatsächlich zum ersten Mal, das Böse als ein Solches zu akzeptieren. Unter anderem deshalb geraten die ursprünglich scheinbar ordentlichen Verhältnisse in der Kirche ins Schwanken und die Ereignisse werden dramatisch, bis Ivan schließlich durch einen Schuss mitten in den Kopf von Adams nationalsozialistisch orientierten Freunden schwer verletzt wird. Ohne Hoffnung auf Rettung bringt Adam ihn ins Krankenhaus, wo sich herausstellt, dass der Kopfschuss den Tumor vernichtet hat. Während der nun geheilte Ivan sich noch im Krankenhaus befindet, backt Adam aus einem einzigen, übrig gebliebenen Apfel ein kleines Küchlein. Er hat seine Aufgabe bewältigt und lebt nun gemeinsam mit dem Pfarrer bei der kleinen Kirche.

Die wichtigste Aufgabe der Rolle des Adam ist anfangs wohl, die pure Boshaftigkeit darzustellen, was Paul Walther meiner Meinung nach hervorragend gelungen ist. Insgesamt behaupte ich, die Aufführung gibt sehr gut die Grundstimmung wieder, die ich persönlich auch beim Schauen des Films empfunden habe. Demnach lässt sich sagen, dass, wer den den Film gesehen und geschätzt hat, auch auf jeden Fall zu einer Aufführung von “Adams Äpfel” gehen sollte. Diese Art von Humor ist in meinen Augen wunderbar und auch wunderbar umgesetzt.

Wichtige Mitwirkende:
Regie: Alexander Flache
Bühne und Kostüme: Petra Linsel
Musik: Marco Seeling
Dramaturgie: Katharina de Vette

Darsteller und Rollennamen:
Adam: Paul Walther
Ivan: Stephan Fiedler
Khalid: Michael Ruchter
Gunnar: Peer Roggendorf
Sarah: Sonja Hilberger
Poul: Dirk Donat
Kohlberg (die Ärztin): Undine Cornelius
Holli (Nazibraut): Caroline Erdmann
Esben (Nazibraut): Sandra-Uma Schmitz
Jette (Nazibraut): Lisa Flachmeyer

Nächste Vorstellungen:
11.05.2012, 20:00 Uhr, Theater im Stadthafen
20.05.2012, 20:00 Uhr, Theater im Stadthafen

Foto: Volkstheater Rostock