Eckard Sinzig – der Kosmoshasser will Satisfaktion

Was haben Eckard Sinzig, Theodor Fontane und Gustave Flaubert gemeinsam? Diese Männer schrieben Bücher, die mit der Einfühlsamkeit einer Frau daherkommen und es geschafft haben, mit der ewigen Domäne des Männerhelden in der Literatur zu brechen.

Dass Eckard Sinzig sich jedoch diesem Topos in ganz anderer Weise nähert als seine Kollegen, dürfte jedem klar sein, der in seiner Literatur einigermaßen bewandert ist: neben „Idyllmalerei auf Monddistanz“, der unter Pseudonym publizierten „größten Schau der Welt“ und „Das Mordkarussell“ stellt sich die „Jungfrauenhatz“ in eine Reihe grotesker Romane, die noch heute nach Ihresgleichen suchen.

Niemand anderes als Fritz J. Raddatz hat Sinzig 1965 mit dem Roman „Idyllmalerei auf Monddistanz“ entdeckt, Ulrich Holbein nennt ihn „Kosmoshasser, Sexual-Snob, Terror-Clown, Hymnendichter“ mit im Vergleich zu anderen Autoren „viermal größerem Wortschatz und Themenradius, wirklichem Lebensdrama sowie Wunderkindstatus“.

Der Inhalt der Jungfrauenhatz ist ebenso hastig wie einfach erzählt:

Die vor dem dreißigsten Lebensjahr stehende Rosa-Maria Schlickers verzweifelt daran, dass ihre Jungfräulichkeit trotz präventiver und kurativer Eingriffe nicht zu „beseitigen“ ist. Sie versucht es mit allen Mitteln, sucht rot- und zwielichtige Orte auf, lässt brünftige Marokkaner an sich heran, spannt ihrer Schwester den Gatten aus. Aber jegliche Mechanik versagt am Hymen. Die Ursache für ihre unendlichen erfolglosen Bemühungen jedoch liegt tiefer.

Sinzigs Sprache ist verzwirbelt, frisch, wortschatzbereichernd, witzig, sinzig, spastisch, lehnt sich ins Käsige und scheut sich keinesfalls, Verbote zu überschreiten. Als sei Foucault der Lehrer dieses Berserkers gewesen, ist hier die nach Lust, Unsinn und Rigorosität suchende Welt der Protagonisten ganz frei von Redensregeln und Sprachkonventionen. Dass dabei Opfer erbracht und Ekel in Kauf genommen werden müssen, Befremden und Exotik, Schmutz und Rotz Einzug in die Bücher halten, das ist nur noch eine konsequente Form literarischer Möglichkeiten. Der Untertitel des 1970 erstmals erschienenen Buches, „Eine Horrorburleske“, verrät es. Sinzig räumt in dieser gegen den Strich gebürsteten Belletristik das schöngeistige Geröll vokalversessener feinsinniger Kammerliteratur vom Tableau und konstruiert Satzkettenmonster hybrider Façon. Er ist einer der sprachmächtigsten Romanciers unserer Zeit. Die traurige Bilanz: seit über vierzig Jahren. Und so musste er jetzt wiederentdeckt werden, um auf Satisfaktion zu hoffen. Die Literatur ist tot. Es lebe Sinzig.

Eckard Sinzig: Die Jungfrauenhatz, Salier Verlag 2010, 340 Seiten, 24,90 Euro.