Pantomime im Hintergrund: Als Statist bei „Sturm des Wissens“

Statist-Foto

Statisten Maria, Goda, Frederick und Achini (v.l.n.r.; Foto: Victor Ibrahim)

Es ist morgens um 9 Uhr an einem Samstag. Eine relativ frühe Zeit für einen Studenten um in der vorlesungsfreien Zeit in der Uni zu sein, aber um diese geht es heute auch gar nicht — zumindest nicht direkt. Denn heute bin ich Statist bei der Rostocker Science Soap „Sturm des Wissens“.

3. August, 1. Drehtag
Ich stehe im Innenhof der Biowissenschaften in der Albert-Einstein-Straße und warte darauf von Julia abgeholt zu werden. Julia ist die Statisten-Casterin der Science Soap, bei der ich mich die Tage vorher beworben habe. Zusammen mit Achini, Goda und Maria, drei weiteren Statisten, soll ich heute bei mehreren Szenen mitwirken. Nach kurzer Zeit werden wir abgeholt und zum heutigen Drehort, einem Labor im 2. Stock des Uni-Gebäudes geführt. Wir vier sind schon gespannt was uns erwartet.

Doch erstmal heißt es: warten. Das Set muss noch umgebaut werden, Kameraeinstellungen geprüft und Schauspieler geschminkt werden. Wir warten zusammen mit den anderen Schauspielern und Crew-Mitgliedern im Flur vor dem Labor auf unseren Einsatz. Nach einer Dreiviertelstunde ist es soweit, wir werden von Stephie, der Regieassistentin, vorbereitet. Mit unseren zuvor erhaltenen Laborkitteln sind wir ab jetzt Forscher und Studenten. Goda und Maria sollen mit Glaskolben und Büchern bewaffnet durchs Bild laufen, während Achini und ich an einem Mikroskop forschen. Was erstmal gewöhnungsbedürftig ist: Wir tun zwar so als würden wir uns unterhalten, jedoch ohne zu reden. Pantomimisch machen wir uns also ans Werk. „Ton an, Kamera an und … bitte!“, ruft Regisseur André Jagusch. Nach einigen „Takes“ wird es immer einfacher einen stummen Forscher darzustellen. Es entwickelt sich ein Ablauf den man nach jedem Cut weiter ausbaut: Unterhalten, Notizen machen („Weißer Stift auf weißem Papier“), ins Mikroskop gucken, Unterhalten, etwas in den (nicht eingeschalteten) Computer eintippen. Was einem zuerst komisch vorkommt, wird nach jedem Cut authentischer.

Heute werden jedoch nur wenige Perspektiven gedreht. Während Goda und Maria nochmal das Bild kreuzen dürfen, weil die Szene aus mehreren gedreht wird, ist Achinis und mein Job als Statist heute schon vorbei. Gegen 14.00 Uhr ist alles abgedreht. Eine interessante Erfahrung mal vor der Kamera zu stehen (auch wenn man nur stumm im Hintergrund steht). Ich bin gespannt auf den nächsten Drehtag!

2. Drehtag - Bild

Praktikant Frederick (Mitte) beim Dreh in der Cafeteria (Foto: Victor Ibrahim)

6. August, 2. Drehtag
Heute wird in dem wohl wichtigsten Gebäude einer Uni gedreht: Der Mensa. 15–20 Statisten sind heute beim Dreh in der Cafeteria der Hochschule für Musik und Theater (HMT) dabei. Während beim letzten Mal relativ wenige Perspektiven gedreht wurden, sind heute viele Einstellungen geplant. Das Mikroskop wird gegen ein Mensa-Tablett eingetauscht und das Forschen im Labor durch das Anstehen in der Essenschlange und die angestrengte Suche nach einem freien Sitzplatzes ersetzt. So sieht es zumindest aus.
In Wirklichkeit ist alles haargenau geplant: Die Essensausgabe, der suchende Blick nach einem Platz und das Finden von jenem. Was vorher mit der Regieassistentin Stephie abgesprochen wurde, wird beim Dreh nun möglichst eins zu eins umgesetzt. Während andere Statisten in Gruppen an Tischen sind und sich (natürlich wieder stumm) unterhalten, bekommen diejenigen, die durchs Bild laufen, Essen holen o. ä. von Stephie Anweisungen per Handzeichen. „Und bitte!“, ruft der Regisseur. Jeder geht auf Kommando seiner Beschäftigung nach. Ich warte auf mein Handzeichen, die Vier, und lege dann los mit der Tischplatz-Suche. „Und Cut! Danke!“ Der Regisseur gibt den Schauspielern Anweisungen, während Stephie uns noch kleine Änderungen am Auftreten vermittelt: „Etwas weiter links gehen“ oder „Lass dir ruhig mehr Zeit bei der Kasse“.
Wie beim letzten Mal muss alles mucksmäuschenstill ablaufen. Ein Quietschen vom Tablett auf dem Mensa-Gatter, das Klimpern von Besteck oder das Rutschen von Schuhen auf dem Steinboden. All das sind Geräusche, die es während des Drehs zu vermeiden gilt. Gar nicht so leicht bei gut 20 Personen, die während des Drehs beteiligt sind. So wird bei manchen Störgeräuschen schonmal in die Trickkiste gegriffen: Ein Handtuch als Geräuschdämpfer unter einen Teller oder ein Tablett geklebt, bewirkt wahre Wunder! Selbst die Schauspieler laufen teilweise Barfuß ihre Rollen, damit der Ton perfekt wird.

So werden an diesem Tag mehrere Einstellungen gedreht, Statisten umgestellt und mit neuen Aufträgen versorgt, damit die Mensa so lebendig wirkt, wie an einem normalen Mittag in der Vorlesungszeit. Sogar im Innenhof vor den Fenstern der Cafeteria werden Statisten gestellt um jedes Detail eines normalen Uni-Tages darzustellen. Nach sechs Stunden heißt es zum letzten Mal vom Regisseur: „Gestorben! Danke!“ Das bedeutet nicht, dass jemand dem Exitus zum Opfer gefallen ist, sondern dass die Szene fertig im Kasten ist. Gegen 15 Uhr ist für heute Drehschluss. Die folgenden Dreharbeiten an diesem Tag sind ohne uns Statisten geplant.

Nach der letzten Aufnahme kommt noch etwas Besonderes: Wir sollen zunächst einzeln durch die leere Cafeteria gehen und so für den Tonmann die Geräuschkulisse für die Szenen produzieren. Was wirkt wie ein Gang auf dem Laufsteg, da man die volle Aufmerksamkeit der schweigenden Beteiligten genießt, wird später zusammengeschnitten und bildet den Hintergrundton für die vorher gedrehten Szenen. Als letztes verteilen wir uns fünf Minuten lang an alle Tische und tun das, was man als Student während des Essens natürlicherweise macht: Reden, Essen, mit dem Besteck hantieren und andere Interaktionen. So stellen wir jede Szene zweimal dar, einmal fürs Bild und einmal für den Ton. Am zweiten Drehtag sind wir Statisten also nicht mehr vollkommen stumm!

Bild vom 3. Drehtag

Filmcrew am Set in der Ulmenstraße 69 (Foto: Victor Ibrahim)

7. August, 3. Drehtag
Nach dem Institut für Biowissenschaften und der HMT-Cafeteria ist heute das größte Gebäude der Uni Rostock Dreh- und Angelpunkt der Soap: die Ulmenstraße. Im Gegensatz zu den anderen beiden Tagen, geht es heute erst um 13.30 Uhr für uns los. Ein weiterer Unterschied zu den letzten beiden Drehtagen ist, dass heute nicht eine Szene in mehreren Einstellungen gedreht wird, sondern gleich drei.

Den Anfang macht eine Szene, die viele Studenten gerade in der Prüfungsphase kennen: Das gespannte Warten darauf, dass lang erwartete Ergebnisse ans Schwarze Brett gehängt werden. Um Prüfungen geht es heute zwar nicht, aber genauso gespannt mimen die Schauspieler und Statisten heute eine Gruppe von Studenten, die wahnsinnig neugierig auf den Aushang eines Dozenten ist, dessen Rolle spontan mit Michael Lüdtke, Geschäftsführer von Rostock denkt 365°, besetzt wird. Kaum hängt dieser sein Blatt ans Brett, drängeln wir uns neugierig heran, um zu erfahren, was darauf zu sehen ist. Diesmal ist Murmeln und Sprechen nicht nur erlaubt sondern erwünscht! Ebenso werden die Statisten bei dieser Szene um einiges größer und genauer zu sehen sein, als in den bisherigen Szenen. Eine echte Premiere also!

Die nächste Szene spielt im für mich schon gut bekanntem Hörsaal 224.
Wo normalerweise Politik- und Wirtschaftsvorlesungen gehalten werden, entsteht heute eine Tutoriums-Szene. Um den Saal prall gefüllt darzustellen, werden kurzerhand der Produktionsleiter Thomas Wüstemann und Co-Regisseur Andreas Ehrig zu Studentendarstellern im fortgeschrittenem Semester umgeschult. Wieder gilt bei dieser Szene, dass Schuss-Gegenschuss gedreht wird, also das Drehen aus den verschiedenen Perspektiven der jeweiligen Schauspieler. Nach 1½ Stunden ist das imaginäre Tutorium vorbei und es gibt eine etwas größere Umbaupause bis zur nächsten Szene, denn nun geht es in den Innenhof in der Ulmenstraße 69.

Die letzte Szene hat den mit Abstand größten Drehort. Wenn man bisher nur in Räumen gedreht hat, kommt es einem unter freiem Himmel so vor, als wäre die Kamera gar nicht mehr vorhanden. Das liegt zum einen an dem Platz und zum anderen an der Entfernung. Die Kamera nimmt bei dieser Szene den gesamten Campus auf, an dem wir Statisten überall verteilt werden. Als Gruppe auf dem Rasen, zu Fuß am Vorbeigehen oder alleine auf dem Fahrrad wird eine Szene inszeniert, wie sie jeden Tag im Sommersemester sein könnte. Eine Besonderheit besteht jedoch: Als „Special Guest“ ist der Rektor der Universität Prof. Dr. Wolfgang Schareck beim Dreh dabei und absolviert einen Cameo-Auftritt zusammen mit einer Studentengruppe. Hinter der Kamera informiert er sich neugierig über den Stand der Dinge und schießt für sich noch ein paar Bilder, bevor es mit der Aufnahme losgeht.

Nach einer recht geringen Anzahl von Cuts ist auch diese Szene im Kasten und der Drehtag für die Crew nach einer zwölfstündigen Schicht vorbei. Für mich ist es der letzte Tag als Statist. Nach drei Tagen voller Erfahrungen als stummer Forscher, Mensa-Gast und – meine wohl authentischste Rolle – als Student bin ich wahnsinnig gespannt, was aus den Szenen entstehen wird. Lange dauert es nicht mehr, bis alle Szenen für die Soap abgedreht sind, denn am 16. August soll alles im Kasten sein. Im Winter schließlich findet die Premierenfeier statt und danach wird wöchentlich jeweils eine Folge auf der Homepage der Soap www.sturm-des-wissens.de und im regionalen Fernsehsender MV1 ausgestrahlt. Später werden dann alle Folgen kostenlos auf der Homepage zu sehen sein. Ein paar Monate muss man sich also noch gedulden, bis das Ergebnis veröffentlicht wird und Deutschlands erste Science Soap auf Sendung geht!