Premiere von The Who’s Tommy im Volkstheater. Is it a boy?

Marcus Melzwig als Tommy in der neuen Rockoper am Volkstheater

Neues altes Haus, neues altes Glück. Das Volkstheater startet seine neue Spielzeit zeitgleich zur Wiedereröffnung des Großen Hauses mit einer Rockoper. Großformatig ist Rostock mit Ankündigungen tapeziert: mit Aufmachern, die etwas zwischen Werbung für eine neue RTL-Serie haben oder an Tourneeplakete eines Illusionskünstlers erinnern.

Tatsächlich aber handelt es sich um – ja, worum? Glaubt man Musicalführern, dann handelt es sich um ein Musical aus der Feder von Pete Townshend, dem Musiker und Kopf der Band The Who, das die Leidens- und Lebensgeschichte eines Jungen namens Tommy erzählt, der Mord, Gewalt, Missbrauch und Drogen erlebt, was ihn in den Autismus treibt, den er aber zu überwinden lernt und doch noch zum Star und Vorbild wird. Es ist ein Stück über die Anatomie des Leidens und die Überwindung derselben. Die Schwächen kehren sich in Stärken. Das Volkstheater nennt die Aufführung bescheiden eine Rockoper und wendet sich damit bewusst ab von den Erwartungen an die dramaturgische Einheit von Text, Gesang, Tanz und Musik, wie wir es aus der New Yorker Musicaltradition zu kennen meinen. Denn: In The Who’s Tommy wird nicht getanzt, allenfalls zur Musik bewegt. Wer also tanzchoreographische Sonderleistungen wünscht, wird sicherlich enttäuscht. Die musikalische Inszenierung allerdings hat es in sich. Gewaltig und kraftvoll spielt die Rock-Big-Band sich ins Gehör des Zuschauers, der ganz Zuhörer wird.

Mit Ensemble und Band im Hintergrund spielt Marcus Melzwig den wilden Tommy

Deutlich sichtbar und teils in die Handlung integriert, bestimmen die Instrumente das Geschehen mit. Gesungen wird nicht immer operettenhaft, aber in einer Rockoper darf’s auch einmal schiefe Töne geben, räumt Rock’n’Roll doch gern mal auf mit dem stilistisch Akkuraten und Perfektionistischen. Doch wenn Jacqueline Boulanger in der Rolle der Acid Queen zu singen beginnt, geht das Stück ganz und gar ins Blut über. Ebenso stellt Manuel Dengler eine Entdeckung dar, der als Cousin von Tommy sowohl schauspielerisch als auch gesanglich überzeugt. Hervorzuheben ist auch die imposante Videoinstallation, die fast ein Drittel der Bühne einnimmt und mit dem Dargestellten zu koitieren scheint. Das Bühnenbild scheint einem Gemälde aus der Welt eines Edward Hopper entsprungen, übersichtlich und kühl bietet es die optimale Kulisse für das Stück.

Eindrucksvolle Videoinstallation vom Rostocker Videokünstler Andreas Ehrig

Alles in allem gar nicht mal so übel. Angesichts der traurigen Schlachten, die das Volkstheater derzeit zu führen hat, keine leichte Geburt, aber: It’s a boy. Gratulation!

Nächste Vorstellungen jeweils im Großen Haus:

07.09. 2012, 19:30 Uhr
08.09. 2012, 19:30 Uhr
09.09. 2012, 18:00 Uhr
14.09. 2012, 19:30 Uhr
15.09. 2012, 19:30 Uhr

www.volkstheater-rostock.de/…

„Das wird heftig“ – Unsere Kollegen von DAS IST ROSTOCK.DE zur Probe bei „The Who’s Tommy“

Fotos: Dorit Gätjen