Victor Ibrahiem: Ein syrischer Fotograf in Rostock

Victor Ibrahim mit Ausstellungsfoto

Victor Ibrahiem mit seinem Bild für den Wettbewerb bei der Ausstellung „Traumfrauen“ (Foto: Victor Ibrahiem)

Normalerweise lässt Victor Ibrahiem seine Bilder sprechen. Für ein Interview mit dem Kulturhafen macht er jedoch eine Ausnahme. Der 21-jährige Fotograf aus Latakia (Syrien) sprach mit mir in seinem ersten deutschen Interview über seine Ausbildung in Deutschland, seine Anfänge als Fotograf und wie sein Hobby immer mehr zu seiner Arbeit wird. Ein Porträt über einen jungen und aufstrebenden Fotografen in Rostock.

Obwohl Victor erst seit zwei Monaten in Rostock ist, kennen bereits viele seine Bilder. Seine Facebook-Seite Victor Ibrahiem Photographe (VIP) zählt mittlerweile über 6.500 Likes und wird jeden Tag mit neuen Fotos bestückt. Wer sie betrachtet merkt, dass Victor sich nicht auf bestimmte Motive festlegt. Er fotografiert Orte, Gegenstände und Menschen. Doch vor allem letztere sind es, die er in charakteristischen Bildern festhält. Auf die Frage, was er am liebsten fotografiert, antwortete er: „Kinder sind die schönsten Motive, da sie sich nicht verstellen. Ein Kind bleibt beim fotografieren authentisch, anstatt zu posieren.“ Was ebenfalls beim Betrachten seiner Fotos auffällt, ist die Qualität der Kontraste, Farbgebung und anderen Nachbearbeitungen, die sein (eigentliches) Hobby eher als professionelle Arbeit erscheinen lassen. Denn seine „richtige Arbeit“ ist eigentlich eine Ausbildung zum Mediengestalter bei der Werbeagentur Qbus, für die er seit zwei Monaten in Rostock ist.

Das Fotografieren hatte für Victor schon als Kind etwas faszinierendes, wenn er Menschen mit Kameras sah. Als Jugendlicher hatte er nicht genug Geld für eine gute Kamera und kaufte sich zunächst eine einfache, mit der er anfing zu experimentieren. Die Bilder, die daraus entstanden sind, fanden bei seinen Freunden so großen Anklang, dass er mehr Geld in sein Hobby investierte und sich bessere Kameras kaufte. „Jeder kann eine teure Kamera besitzen, aber diese macht nicht automatisch gute Bilder. Eine höherwertige Kamera ist jedoch die Basis für gute und professionelle Fotos.“ Mit seinen 21 Jahren hat Victor ein erstaunliches Erfahrungspensum in verschiedenen Bereichen: Neben seinen Tätigkeiten als Set- und Hobbyfotograf, war er seit Anbeginn der Revolution in Syrien öfters als Kriegsfotograf tätig. „Die Gefahr ist etwas, was einen antreibt. Nicht nur vorsichtig zu sein, sondern auch die Gefahr für etwas zu nutzen und Situationen einzufangen. Zu wissen, dass man ein Foto schießt, wozu kein anderer die Gelegenheit hat, gibt dem Bild einen ganz speziellen Charakter.“, schildert Victor.

Mann mit Akkordeon

Das Rostocker Original Michael Tryanowski beim Akkordeon-Spielen auf dem Universitätsplatz (Foto: Victor Ibrahiem)

Neben der täglichen Online-Veröffentlichungen werden bald auch „offline“ Bilder von Victor zu sehen sein. Bei dem Wettbewerb der Ausstellung „Traumfrauen“ (siehe Bild oben) stellte Victor seine Vorstellung von einer Traumfrau aus. „Ich erfuhr im Internet von dem Wettbewerb und fand es super, dass dort jeder seine Vorstellung von einem Ideal ausstellen konnte“, so der Fotograf. Der Wettbewerb der Kunsthalle Rostock bot ihm die Möglichkeit, zum ersten mal in Deutschland eines seiner Bilder der Öffentlichkeit zu präsentieren. Weitere Ausstellungen sind bereits in Planung. Für die Zukunft ist außerdem eine Art Workshop für Kinder und Jugendliche gedacht, in dem Victor diesen das Fotografieren näher bringen möchte und sie mit der Kamera vertraut machen will. Bei solchen Bestrebungen ist es leicht nachzuvollziehen, warum sein Hobby sich immer mehr zur Arbeit entwickelt.

Victor Ibrahiem ist ein Mensch, der einem im ersten Moment eher schüchtern vorkommt. Wie ein stiller Beobachter, der sich eher durch seine Bilder, als durch seine Art ausdrückt. Beim Gespräch unter vier Augen, bekommt man jedoch schnell ein anderes Bild von ihm, das einer fröhlichen und gesprächigen Person. Es freut ihn, dass so viele seine Arbeit zu schätzen wissen und dass er ihnen mit seinen Bildern eine Freude macht. Gleichzeitig überrascht es ihn, was für einen großen Anklang seine Bilder im Internet haben: „Es fühlt sich nicht so an, als ob ich für Tausende von Leuten etwas poste. Eher wie für eine kleine Gruppe von Freunden. Auf der einen Seite ist das komisch, auf der anderen erfreut es mich natürlich, dass so viele meine Bilder sehen wollen.“ Noch vier Jahre wird Victor Ibrahiem voraussichtlich in Rostock bleiben, um seine Ausbildung abzuschließen. Eine lange Zeit, in der es bestimmt noch viele Eindrücke und Charaktere von ihm auf Bilder gebannt zu sehen gibt.